Am Freitag Abend war ich mal wieder im Carl-Benz-Stadion.
Waldhof gegen Düsseldorf. Drittliga-Auftakt. Ein warmer Augustabend, ein volles Stadion, wieder diese Mischung aus Vorfreude und Nervosität.
Ich war nicht zum ersten Mal dort. Ganz sicher nicht. Der Waldhof ist für mich mehr als ein Verein, den man einfach mal fotografiert. Ich war früher Vereinsfotograf. Ich habe dort unzählige Stunden verbracht, bei Sonne, Regen, Schnee, Flutlicht, Frust und Euphorie. Ich kannte irgendwann jedes Gesicht, jede Ecke im Stadion, durfte zu »Schlappi« nach Hause, um ihn dort zu portraitieren. Ich erlebte alle drei Relegationen hautnah, fuhr während meiner mehrtätigen praktischen Abschlussprüfung zum Mediengestalter abends nach Meppen, erlebte das Drama mit und saß am nächsten Morgen wieder im Büro. Ich erlebte den Abbruch gegen Uerdingen hautnah – ein Jahr später fuhr ich mit den Spielern durch die Mannheimer Innenstadt und feierte den Aufstieg.
In dieser Zeit ist auch mein Buch Wunder Waldhof 2.0 entstanden. Nicht als neutrale Sammlung von Fußballbildern, sondern als etwas Persönliches. Als fotografisches Stück Waldhof. Als Erinnerung an eine Zeit, in der ich sehr nah dran war an diesem Verein, an seinen Menschen und an dem, was Fußball auslösen kann.
Vom Stadion ins Standesamt
Heute fotografiere ich gemeinsam mit meiner Frau vor allem Hochzeiten. Das klingt auf den ersten Blick nach einem komplett anderen Leben. Statt Strafraum jetzt Standesamt. Statt Fankurve freie Trauung. Statt Grätsche der erste Kuss. Statt tausenden Fans vielleicht 80 Gäste, die versuchen, ihre Emotionen halbwegs im Griff zu behalten. Und trotzdem merke ich immer wieder, wie eng diese Welten miteinander verbunden sind. Denn am Ende fotografiere ich nie einfach nur ein Ereignis. Ich fotografiere Menschen, die etwas fühlen.
Beim Fußball ist das rauer, lauter, manchmal auch vulgär. Da wird nichts wegmoderiert. Da schreit einer seine Freude heraus, ein anderer hält sich den Kopf, einer flucht ins Leere, einer steht still da und versteht für einen Moment nicht, was gerade passiert ist. Fußball nimmt den Menschen oft die Fassade weg, egal ob Chefarzt oder einfacher Arbeiter. Genau das macht ihn für mich fotografisch so interessant.
Bei Hochzeiten ist es leiser, aber nicht weniger intensiv. Da sitzt der Vater in der ersten Reihe und versucht, stark zu wirken. Da hält jemand beim Einzug die Luft an. Da berühren sich zwei Hände, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wurde. Da passiert so viel zwischen den eigentlichen Programmpunkten, dass man es leicht übersehen könnte, wenn man nur auf das Offensichtliche wartet.
Der Unterschied zwischen Abbild und Gefühl
Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer wieder zum Fußball gehe. Nicht, weil ich den klassischen Sportfotografen ersetzen will. Die machen ihren Job, und der ist schnell, präzise und oft brutal eng getaktet. Torjubel, Zweikampf, Trainerreaktion, Pressebild. Alles muss sitzen. Diese stressige Zeit habe ich noch gut genug in Erinnerung, wenn man sofort liefern musste, weil die Redaktionen von Mannheimer Morgen, Kicker, Bild und Co. bereits warteten. Manchmal wusste man nicht mal mehr, wie das Spiel überhaupt steht, weil man nur noch mit Abliefern beschäftigt war.
Mich interessiert heute etwas anderes. Ich will Fußball nicht nur abbilden. Ich will ihn fühlbar machen. Ich suche die Unordnung. Die Körpersprache. Die Spannung vor der Aktion. Den Jubel, der fast zu früh kommt. Die Enttäuschung, die keiner sieht, weil alle zur anderen Seite schauen. Ich mag Bilder, die nicht sofort alles erklären. Bilder, die ein bisschen offen bleiben. Die mehr Atmosphäre sind als ein simples Pressefoto.
Am Freitag war dafür ein guter Abend. Ein Saisonauftakt hat immer etwas Unfertiges. Niemand weiß genau, wo er steht. Die Mannschaft nicht. Die Fans nicht. Der Fotograf auch nicht. Alles ist ein erstes Abtasten. Und dann geht das Spiel los, und plötzlich ist alles wieder da. Dieser Reflex, Szenen zu lesen, bevor sie passieren. Nicht erst auszulösen, wenn der Ball im Netz liegt, sondern Sekunden vorher zu spüren, dass gleich etwas kippt.
Der Blick für das, was gleich passiert
Das ist beim Fußball nicht anders als bei einer Hochzeit. Auch dort muss man Momente vorausahnen. Man kann den Ringtausch nicht wiederholen, weil man gerade an der falschen Stelle stand. Man kann die Träne der Mutter nicht nachstellen. Man kann den Blick des Bräutigams nicht noch einmal bestellen, wenn die Braut zum ersten Mal auf ihn zukommt. Man muss da sein. Wirklich da sein.
Vielleicht hat mich der Fußball genau das gelehrt: wach zu bleiben. Nicht bequem zu werden. Nicht nur das zu fotografieren, was alle fotografieren. Nicht zu denken: „Jetzt kommt gleich der wichtige Moment“, sondern zu verstehen, dass der wichtige Moment oft schon längst passiert, nur etwas kleiner, etwas versteckter.
Und vielleicht haben mich die Hochzeiten umgekehrt gelehrt, im Stadion anders auf das Spiel zu schauen. Nicht nur auf Härte, Tempo und Zweikampf zu achten, sondern auf Nähe. Auf Verletzlichkeit. Auf diese kurzen menschlichen Risse im großen Spektakel. Ein Spieler, der nach dem Abpfiff kurz alleine ist. Ein Fan, der sich umdreht und jemanden sucht. Ein Kind, das nicht das Ergebnis versteht, aber sehr genau spürt, dass dieser Abend wichtig ist.
Das sind die Bilder, die mich interessieren.
Warum ich immer wieder zurückkomme
Der Waldhof hat gestern gewonnen. 2:1 gegen Düsseldorf. Ein Auftakt, der hängen bleibt. Für viele wegen der drei Punkte. Für mich auch wegen der Erinnerung daran, woher ein Teil meines Blicks kommt.
Ich fotografiere heute Hochzeiten, weil ich Geschichten liebe, die einmalig sind. Tage, an denen alles Bedeutung bekommt. Ein Blick, eine Berührung, ein Satz, ein Lichtstrahl durchs Fenster. Und genau deshalb gehe ich immer wieder zum Fußball. Weil auch dort nichts wiederkommt. Kein Spielzug. Kein Jubel. Keine Grätsche. Es gibt nur diesen einen kurzen Moment. Und wenn man Glück hat, drückt man genau dann ab.
